Archiv der Kategorie: Essen

Finde den Stern

Gastautor Micha Becker hat das Restaurant Abantal in Sevilla besucht und schildert nachfolgend seine Erlebnisse: Es ist immer wieder ein besonderes Vergnügen Sternerestaurants im Ausland nicht einfach mit dem Taxi vom Hotel oder Bahnhof aus zu besuchen, sondern zu Fuß mit Stadtplan oder auf eigene Faust mit dem Auto und Navi. Da bin ich schon in der Niederlande in einem riesigen Park auf der Suche nach den Sternen in den Dünen gelandet und habe das Vehikel nur mit größten Mühen aus dem Sand ziehen können, oder ich habe die Strecke zu Fuß zwischen Bahnhof und Restaurant in einer französischen Stadt unterschätzt, was zur Folge hatte, dass es gar nichts mehr zu essen gab für mich. Zurück an den Bahnhof – Pizza – das war mein damaliges Los.

In Sevilla kam eine neue unerwartete Schwierigkeit auf mich zu: von aussen (siehe Bild) sieht man das Restaurant zwischen Garagen und Mietswohnungen gar nicht. Im Gegenteil, ich denke, die Architekten haben absichtlich darauf geachtet, dass man den neuen Stern, der an Sevillas Gastronomiehimmel aufgeht, nie finden wird. Manchmal kam ich mir vor wie die heiligen hungrigen drei Könige auf der Suche nach dem Stern von Sevilla.

Wo ist der Stern?
Wo ist der Stern?

Aber ich war an diesem Abend voll Ausdauer und gut gestärkt. Zum einen geistlich, war gestern doch Karfreitag und die Prozessionen der Kutten haben mich richtig christlich gemacht. Zum andern ist Sevilla eine Stadt der Fresskultur sondergleichen. Die Straßen sind voll gesät mit kleinen Bars, die alle zu andalusischen Köstlichkeiten einladen. Dazu gehört der Jamon Jabugo de Bellota, der spanische luftgetrocknete Schinken von Schweinen, die nur mit Eicheln genährt werden und die typischen Pata Negra-merkmale aufweisen, schwarze Schweinehufe. Dann aber auch die ganze Fülle von Meeresgetier und der ganze grosse Garten, der rings um die Stadt am Guadalquivir wächst und gedeiht. Es ist eine wahre Freude und die christlichen Spanier verspeisen selbst an Karfreitag Unmengen von Tapas, die sie mit einem Sherry oder einem kühlen Bierchen genüsslich und voll Sünde in sich reinstopfen. Gesoffen wird am Laufmeter. Ich habe noch nie so viele betrunkene Bürger auf einem Haufen gesehen und ich war schon am Kölner Karneval: Ich sage Euch, Semana Santa ist schlimmer!

Aber nicht nur die diversen Bars und Cafés sind ein Muss für jeden Freund der Gaumenfreuden in Sevilla. Zur Hauptmahlzeit am Tage zieht man sich entweder in den Speisesaal zurück, der meist über eine Treppe im oberen Teil der Bar erreicht werden kann, oder man sucht eines der tausend verstreuten Restaurants auf, die mit ihren Genüssen locken. So machte ich mich am Samstag vor Ostersonntag in einen weniger trubelbedeckten Stadtteil auf, Richtung Restaurante Abantal. Dort kocht Julio Fernandez eine moderne regionale Küche auf höchstem Niveau. Wie gesagt findet man das Lokal nur mit Mühe, aber wenn man dann mal da ist, wird man nett vom kleinen Serviceteam im noch kleineren Lokal begrüßt. Gerade mal 10 Tische finden sich im modernen und ästhetisch reinen, ja fast klinischen Lokal. Die Ästhetik ist reduziert, ein wenig asiatisch angehaucht, aber mit Liebe und ohne Kälte. Der Service hat sich jedoch ein wenig unterkühlt, kommt die nette Dame doch mit einer Stimme daher, als habe Sie seit drei Tagen dauergeschlotet. Aber sie war nur „leicht“ – so sagt sie mir – erkältet. Nebenbei habe ich noch nie so eine hübsche Sommelière gesehen, ich war ganz verzaubert, auch die Kalkulation auf der Weinkarte konnte sich sehen lassen.

Zu Beginn was einfaches und dennoch äußerst delikates: eine Kartoffelsuppe mit Tomatenschaum. Man spürt sofort den Küchenwind, der aus diesem modernen Restaurant weht: gute, regionale Produkte, mit den modernen Mitteln der heutigen Küche – manchmal auch molekular – in ästhetisch hoch stehenden Kombinationen recht hübsch angerichtet. Die Kartoffelsuppe zerschmolz mit den fruchtigen Tomaten auf meiner Zunge und machte Appetit auf mehr. Als Vorspeise genoss ich einen in Salzkruste auf den Punkt gegarten Schwertfisch mit reduzierten Tomaten und Kapern. Dazu gabs allerlei Kräutergedöns. Der Fisch war perfekt, wie ein Spitzensushi zubereitet und harmonierte gut zu den sauer eingelegten Kapern und der vollen Potenz des Tomatenpürree.

Der Hauptgang sprengte jedoch jegliche Vorstellungen: „pluma ibérica de bellota“. Der Ausländer versteht hier irgendwas mit „Feder“ und „Schwein“ und kriegt die Begrifflichkeiten nicht zusammen. Gemeint ist der Rückendeckel des berühmten Ibericoschweines, der ein rotes flaches, stark marmoriertes Stück Fleisch ist, das momentan bei Spaniens Spitzenköchen des öfteren auf der Karte steht. Es eignet sich vor allem für Schmorgerichte und schmeckt mit einer stark reduzierten Sauce hier im Abantal einfach unglaublich. Ich bin im Schweinehimmel! Dazu gabs Rote Beete-Eintopf, eingelegte Kirschen und Kartoffeln.

Dann ging bei mir nichts mehr. Kein Nachtisch, ich trank einen sehr guten Pfefferminztee, frisch aufgegossen, mit großer Freue von der hübschen Sommelière serviert. Sollte ich sie jetzt fragen, ob sie später noch mit mir an eine Prozession gehen möchte? Wir könnten ja die ganze Nacht auf der Suche nach dem einen Stern sein. Obwohl – hier hatte ich ihn ja schon gefunden. Wer übrigens wissen will, wie die Gerichte aussehen, der kann dies auf der Homepage des Restaurants tun, da finden sich Fotos aller Speisen – leider nicht vom Servicepersonal…

Roastbeef-Sandwich mit Chimichurri

Zürich hat echt ein paar kulinarische Leckerbissen zu bieten. Im Moment ist vor dem Globus an der Bahnhofstrasse ein BBQ-Grill aufgestellt. Dort wird  frisch gegrilltes Roastbeef als Sandwich mit einer leckeren Chimichurri Sauche zum sagenhaften Preis von 10.50 CHF angeboten. Für die Karnivoren gibt es auch die Varinate mit viel Fleisch für 15.50 CHF. Für den schnellen Hunger am Mittag in der Bahnhofstrasse genau das Richtige. Mein Herz hat gelacht, als ich am Mittag in dieses Sandwich gebissen habe.

Glücksrezept

Eine kurze Anleitung zum Glück in 23 Schritten:

  1. Reserviere einen Tisch in Basels jüngstem Zwei-Sterne-Restaurant.
  2. Schreibe dem wichtigsten Menschen in deinem Leben eine Nachricht, sie solle um 19.00 Uhr schick angezogen sein und den Tag hindurch nichts essen.
  3. Bestelle ein Taxi auf 19.00 Uhr und wirf dich selbst in deine beste Garderobe. Denk ebenso daran, den Tag hindurch nichts zu essen.
  4. Führe die Angebetete zum Taxi und sag dem Taxifahrer die Adresse (Bruderholzalle 42, Basel).
  5. Freue dich über den Kommentar „Oh, wir fahren zu Tanja!“ kombiniert mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht deiner Angebeteten.
  6. Führe deine Begleitung die imposante Treppe hoch zum Restaurant Stucki.
  7. Lasse dich zu deinem Tisch führen und überlasse der Partnerin die Platzwahl.
  8. Bestelle zum Apéro zwei Gläser Champagner – natürlich Bollinger! Stosse herzlich an und geniess einerseits das Lächeln des Gegenübers und andererseits das moussierende und prickelnde Etwas in deinem Mund.
  9. Bestelle das Aroma-Menu für deine Begleitung und dich und das dazu passende Weinset.
    Aroma Menu Grandits
  10. Geniesse den ersten Gang (Avocado / Pistazien Paste, Hirse Fenche Granola, Honig Poulet). Denke dabei, dass McDonalds bei den Chicken Nuggets gerne mal bei der Chefin des Hauses in die Lehre gehen könnte. Das Honig-Poulet ist locker und leicht, so wie ich es noch nie erlebt habe.
  11. Lasse dich vom zweiten Gang (Saibling / Sake Vinaigrette, Satsuma Linsen, Wacholder Öl) in eine andere Welt entführen. Der rohe, butterzarte Saibling verbindet sich traumhaft mit der Süsse der Sake-Vinaigrette.
  12. Sei bereit für den ersten grossen Höhepunkt des Abends. Einer Jakobsmuschel mit Vanille Dashi, Basmati Crème und Kamillen Rettich. Achte darauf, die äusserst feine Jakobsmuschel mit dem leicht-süsslichen Vanille Geschmack zu geniessen, anstatt zu verschlingen.
  13. Lasse dich beim Anblick von weissem Trüffel mit Kartoffel Schaum, Macadamia Lauch und Muskatblüte zurück auf den harten Boden der Realität holen und erinnere dich daran, dass auch bei dir zu Hause in der Küche nicht immer alles gelingt.
  14. Kläre bei einem Pastinaken Joghurt mit Passionsfrucht Gel und Anis Brot deinen Magen. Es folgt noch sehr viel!
  15. Geniesse den Hauptgang. Ein zarter Hirschrücken im Lavendel Lack mit einem Mohn Brioche und Heidelbeer Schwarzwurzeln. Achte dabei  – wie schon den ganzen Abend hindurch – auf die farblich abgestimmten Gang. Himmlisch.
  16. Lasse dich vom Duft des zweistöckigen Käsewagens verzaubern, wähle ein paar edle Stücke nach deinem Gusto und die dazu passenden Chutneys aus Mango und Feige.
  17. Lasse dich von deinem ersten Kürbis-Sorbet in deinem Leben bezaubern und dem dazu gereichten Kalamansi Jus, Mandel Crumble und der Kardamon Crème fraîche.
  18. Sprich der eher schüchtern wirkenden Hausherrin Tanja Grandits bei ihrer Ehrenrunde ein ganz grosses Kompliment aus.
  19. Geniesse den neunten und letzten Gang (Apfel / Karamell Mousse, Sesam Krokant, Gravensteiner Salbei Sorbet), auch wenn fast nichts mehr Platz hat. Denk daran, ein solches Fest wird nicht schnell wiederkommen.
  20. Bestelle die Rechnung, zahle, gib ein anständiges Trinkgeld und lass nach einem Taxi rufen.
  21. Verabschiede dich vom sehr charmanten (u.a. weil mit leichtem Ostschweizer-Dialekt ausgestatteten) Gastgeber mit einem „es war wundervoll“ und halte deiner Begleitung die Tür zum Taxi auf.
  22. Sag im Taxi deiner Begleitung, dass der Abend mit ihr unvergesslich war.
  23. Geniesse den Rest des Abends.

Anschrift
Restaurant Stucki
Tanja Grandits
Bruderholzallee 42
CH-4059 Basel
www.stuckibasel.ch

Krabben mit Migrationshintergrund

Und hier die ersten kulinarischen Grüsse aus Reykjavik. Gestern Abend waren wir im Restaurant Fishmarket. Die Entdeckung des Abends war die Königskrabbe! Ich wusste nicht, dass es solch grosse Krabbentiere (Spannweite: 1.10 Meter) gibt und deren Arme/Schere dann auch noch sehr gut schmecken.

Da die Königskrabbe in die Nordsee eingewandert ist, braucht man bei deren Verzehr auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Wikipedia erzählt dazu die Geschichte, dass Stalin die Lebensmittelversorgung von Moskau verbessern wollte und hat sie darum in der Barentsee ausgesetzt. Ursprünglich stammt die Königskrabbe aus dem nördlichen Pazifik.

Wer Krabben, Garnelen in Hummer mag, der mag auch die Königskrabbe. Die Scheren meiner Königskrabbe waren kurz frittiert, der länge nach aufgeschnitten und mit einer Art scharfen Cocktailssauce serviert. Das Fleisch ist sehr leicht, fasst ein wenig fluffig und intensiv im Geschmack. Nur das auslösen des Fleisches aus den aufgeschnittenen Scheren bereitet dem ungeübten Mitteleuropäer ein wenig Mühe und sollte daher noch weitere Male geübt werden!

Adresse:

Adalstraeti 12
Reykjavik

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Man sieht den Dom im Vendôme

Gastartikel von Micha Becker*: „Ich will den Dom sehen!“ sagte ich zu meiner charmanten Begleitung, die sich heute schon Mittags so richtig schön aufgebrezelt hatte – und zwar nicht für diese schrecklichen überlaufenen Weihnachtsmärkte mit ihren unwiderlich-stehlichen (sic!) Gerüchen von gebratenen Würsten gemischt mit Mandeln – sondern für ihren ersten Gang in einen 3-Sterne Tempel. Und der befindet sich in Bergisch Gladbach, dem Mekka der Gourmets südlich von Köln, in Bensberg (ca. 5500 Einwohner), und von diesem Berg kann man den Kölner Dom sehen. Ich wollte ihn also sehen. Unser Spitzenschlitten („Bitte keine Spritztouren mit dem teuren Polo!“ – sage ich gerne zum Wagenmeister am Eingang von teuren Restaurants und Hotels) kurvte die engen Windungen von Bensberg zum Schloss empor und wir suchten die Vorfahrt um gediegen dem Regen zu entgehen. Leider war Weihnachtsmarkt (Haha – welch grausiges Schicksal!) im Schlossinnenhof und man blockierte so alle möglichen Parkplätze und Zugangswege. Frech wie wir sind, ignorierten wir alle Einbahnstraßenschilder und näherten uns dem Hotelparkhaus, das sich unter dem Schloss befindet. Manchmal braucht es einfach den richtigen Satz: „Hallo mein Name ist blablabla und ich habe einen Tisch im blablabla reserviert.“ und schon sprengen die Diener der Hofgarage auseinander und die Schranke hebt sich. Man befindet sich dann im Trockenen und der kleine Polo durfte sich nun, wenn wir weg sind, mit seinen neuen Freunden Audi und Jaguar unterhalten. Sicher ein ungleich komisches Gespräch („Hey, meine Versicherungspolice ist doppelt so hoch, wie Deine!“ „Ätsch, dafür verbrauchst Du doppelt so viel Sprit wie ich“ „Na und?“ „Du Drecksschleuder, ich hau Dir gleich auf Deine dumme Fressenkarosserie!“ „Hey, Du Opferschrottwagen!“ „Deine Mutter! Du Weichauto!“).

Wir indes durften dann doch noch kurz ins Freie – und damit in den Regen und auf diesen fürchterlichen Weihnachtsmarkt in weißen Zelten, der sich wie eine Gaddafi-Hochburg über den fürstlichen Platz ergoss – denn das Vendôme, unser Ziel, unsere heile Kathedrale der Esskultur befindet sich in einem Nebengebäude des Schlosses mit (Achtung!) Blick auf den Dom. Eingetreten wurden wir nett empfangen und gleich an den Tisch geleitet. Moderne Einrichtung, ja, natürlich, an den Wänden aufgeplottete Quadriga-Berlin-Fotografien, riesig, dunkle Fadenvorhänge trennen gekonnt den großen Raum mit den Fenstern (Sicht auf den Dom!), Teppichboden, alles weich, cremefarben, golden, der Eingangsbereich führt an der Küche mit Schaufenster vorbei, man fühlt sich dabei wie im Zoo, ich denke die Leute in der Küche ebenso, und die Frage stellt sich wohl nicht, wer denn hier wen beobachtet. Der Chef selbst steht am Herd, ach ja, ein gutes Zeichen, er zwinkert mir zu, ich winke, das hat was von Free Willy.

Am Tisch angekommen streiten wir uns, wer zuerst die zwei Stockwerke am anderen Ende der Welt sich befindende Toilette besuchen darf. Nachdem das erledigt ist, sitzen wir bequem in Drehstühlen am runden Tisch, kucken ins Lokal und aus dem Fenster und –  ich sehe ihn. Scheu fragen wir, weil wir es einfach nicht glauben können: „ist er es?“ „Ja, das ist der Dom“. Ach, Herrlichkeit und Seligkeit in einem und das trotz dieses miesen Wetters – der Kölner Dom, und ich brauch dabei nicht mal den Kopf zu drehen, in meinem Sichtfeld. Inmitten des Raumes steht – auch im Sichtfeld – so was wie ein Kochfeld. Es ist aber, wie wir bald belustigt wahrnehmen, so was wie ein Kreiselmittelpunkt. Der Service hat nämlich die Aufgabe diesen Ablege- und Servierblock immer von rechts anzusteuern und dann links rumzugehen. Keine andere Richtung bitte! Toutes les directions! Gastronomietomtom: „Bitte biegen sie jetzt mit ihrem Riesentablett links ab!“ Erinnert stark an Luis de Funès „Scharfe Kurven für Madame“, wo dieser als Maître eines berühmten Pariser Gourmetlokals in der Zimmerstunde seine Crew zu Musik zum richtigen Gang (haha!) im Restaurant abrichtet. Tatsächlich kommt es auch niemandem von den umherschleichenden Zombies in den Sinn mal die Richtung zu ändern oder in anderem Tempo – gespielt: „ich bin nicht im Stress!“- herumzuschlurfen.

Frisch beginnt der Auftakt mit einem Bollinger Jahrgangschampagner für den jetzt schon glücklichen Herrn und einem Gläschen Winzersekt mit Quittenessenz für die jetzt schon leicht die Nase rümpfende Dame. Ich kenne meine Liebste, sie ist einfach unmöglich. Schon Tage zuvor ahnte ich, dass der Schuppen hier in den harten Konkurrenzvergleich mit ihrem nur 3 Kilometer Luftlinie entfernten Lieblingsrestaurant antreten muss. Damit auch die Frage: was ist besser, 2 oder 3 Sterne.? Tja, vielleicht finden wir am Ende unseres Essens dann die Antwort.

Wir wählen das große Degustationsmenu, wenngleich der Buisnesslunch auch nicht schlecht daher kommt und die Karte Müritzlamm und Bressetaube in Aussicht stellt. Aber wir wollen ja sehen, was der Chef so kann und seine Visitenkarte ist der Sechsgänger. Weil wir zum Essen hergefahren waren und nicht zum Saufen, was wir später immer noch zuhause dann tun konnten, nahmen wir ein wenig offenen Wein. Außerdem verspielte sich das Restaurant hier schon die ersten Punkte, da der Schweizer in der Weinkarte mit den fair kalkulierten Preisen (Haha! Wohl nur für Russen!) sein Land als „Schweitz“ aufgeführt sah. Ich dachte mir, ein schlechter Witz, aber nicht nur im Inhaltsverzeichnis, sondern dann auch an Ort und Stelle war dieser Schnizer, äh, Schnitzer zu finden. Zu blöd für nur die zwei Malanser und Jeninser Flaschen, die dann tatsächlich zur Auswahl standen. Wir erhielten einen Robert Weil, Kiedricher Gräfenberg 2011, mit wenig Säure und vollem Bouquet, cremig samt und frisch wie ein Sommertag. Wir waren hin und weg. Die Amuse-bouche kamen, wobei vor allem die obligate Gänseleberpraline hervortrat: so was perverses und seltsam süß-fleischiges hatte ich selten gegessen, erinnerte ein wenig an die Mousse von Haeberlin in Illhäusern, aber das ist schon lange her. Der Rest war sosolala, ein wenig Lachs auf schwarzem Puffreis, (Wäh! Mit diesen Reiswaffeln haben meine Eltern mich noch gequält), geräucherte Entenbrust und irgend ein seltsames Maomam, das sehr zitrusartig daherkam, was denn auch schon den Hauptsäuregeschmack der Kompositionen des ganzen Menus vorwegnahm: Limette, Zitrone, Orange. Dazu gab’s reichlich Brot und Butter, denn die Gäste hatten Hunger und das Menu kam langsam und zäh.

Der erste Gang war dann auch gleich eine herbe Enttäuschung: Still. Leben im Herbst. Die Bedienung erklärte uns die Idee (wenn ich vor einer Aufführung zuerst meinem Publikum die Idee meiner Inszenierung erklären würde, würden die doch mit Tomaten und Eiern nach mir werfen). Wir konnten nicht, denn auf dem Teller waren offenbar keine Lebensmittel vorhanden. Der „Herbstspaziergang“ (WTF! Ich will essen! Nicht spazieren!) zeigte sich mit einigen schwarzen und braunen Nüssen und Knospen, gebröselter Erde und liebevoll (andere sagen kitschig) gelierten dreifarbigen Ahorn- und Lindenblätter. Auf der linken Seite war ein Stück Erde raufgepflatscht, die Bedienung wollte gerade erklären was das sei, meine Begleitung kam ihr zuvor: „Matsche!“ Genau! Fanden die aber gar nicht lustig, wie überhaupt das Personal an diesem Tag überhaupt keinen Spaß verstand, dabei waren wir beide doch so gut drauf. Weiß auch nicht was die hatten. So würgten wir also die 3-Sterne-Kunst herunter, ich frotzelte weiter, wenn ich dieses „Geschmackserlebnis eines Herbsttages im Wald“ haben wollte, könne ich mich auch nackt ausziehen und mit dem Gesicht nach unten in den Waldboden graben.

Aber dann. Dann gings los. Die Bachkrebse kamen leicht und auf den Punkt perfekt gegart zusammen mit Tonda di Chioggia, einer italienischen Rübensorte, Zitronen-Kefir und einem ausgezeichnet abgestimmten Dressing, fernöstlich angehaucht, klassisch präsentiert auf den Teller. Die Komposition war frisch, aufregend, leicht, sportlich, machte Lust auf mehr und wir hatten die Herbstmatsche gleich vergessen. Jetzt hoben wir ab. Darauf kamen die Ravioli mit Mascarpone und Wintertrüffel. Und da waren sie, die 3 Sterne, da lagen sie auf dem Teller, versteckten sich nicht mehr, da lachten sie uns an und sagten dreistimmig: iss mich und stirb! Ich starb, sank langsam nach hinten, rutschte meinen Drehstuhl herunter und vergaß sogar die Sicht auf den Dom. Der Raviolo war hauchdünn, gefüllt mit Pilzen, die Mascarponecreme hauchleicht und die darüber großzügig geraffelten Trüffel versetzten meine Gaumennerven in einen Freudentanz (von wegen Gaumenkitzel! Hier wurde wild Samba getanzt!). Gerade noch vor einer Woche das gleiche Gericht für 2 Sterne gegessen, hier war er endlich, der Unterschied, hier war er auf der Zunge merk- und benennbar. Doch der Tanz auf dem Bensberg (Goethe, altes Haus!) ging weiter: Wir bekamen eine perfekt gegarte Seezunge mit dünner Teigkruste, dazu Palourdemuscheln, klein, fein, in der Komposition mit Gemüsen eingefügt dazu und eine Sauce Hollandaise, die diesen profanen Namen gar nicht verdient hatte, denn sie war wohl eine Sauce de ciel. Der Himmel kann nicht besser kochen! Auch hier kam die Sauce leicht, frisch und zitronig daher, passte perfekt zu der mediterranen Anordnung von Fisch und Muscheln, erfüllte seinen Zweck als dazu gereichte Sauce, ließ aber das Gericht auch allein in vollstem Glanze erstrahlen. Wir waren glücklich, wir waren froh, wir freuten uns auf den Hauptgang.

Zu einem Faugère, kräftig, erdig, robust und stark, wurde das Black Angus Rind mit Chorizojus, grünen Bohnencassoulet und Artischocken gereicht. Das Niveau der beiden vorhergehenden Gänge wurde leider nicht mehr erreicht. Trotzdem erfreuten wir uns am Hauptgang, genossen das rosa, zarte Fleisch (wobei man da auf die Chorizokruste verzichten hätte können), die Bohnen waren knackig und geschmackvoll, die Artischocken führten uns wieder – und das beim Hauptgang – auf die leichte, frische und spritzige Ebene. Inzwischen hatten wir gute Gespräche mit dem ausgezeichneten Maître Miquel Calero über Kunst und Kulturförderung geführt, wobei wir überhaupt nicht einer Meinung waren, ich fand das gewagt, wie hier dem Gast nicht einfach nach dem Munde geredet wurde, und mir gefiel dieser Mut. Meine Begleitung fand heraus, warum Vendôme, Vendôme heißt und dass, dieser Name nichts mit dem Dom zu tun hatte (was wir auch nicht vermuteten), wir beide blödelten über die Frisuren des Servicepersonals und freuten uns auf den Käseteller. Der kam klassisch von Maître Antony mit zweierlei Comté, Brie de Meaux und Fourme d’ambert, gekonnt jeweils von gewissen Chutneys und Pistazien unterstützt.

Der Rest ist schnell gesagt, sind wir ja keine Dessert-Menschen. Das kleine Naschwerk in süßen Szenen serviert, war leider nicht der Rede wert. Besonders scheußlich waren zwei kleine Hörnchen, welche wie ein süßes Bonbon von der Kirmes pink leuchteten und auch so schmeckten. Der Negerkuss (Sorry! Schaumkuss) aus Schokolade und Glühwein wurde erst gar nicht probiert, wir waren voll und wir konnten uns vorstellen, wie er schmeckte. Das Eis (Melone? Orange? Pfirsich?) kam mit gerollten Apfelscheiben und nahm den prickelnden zitrusartigen Geschmack des ganzen Menus nochmals auf. Nach vier Stunden erhoben wir uns, der Dom war nicht mehr zu sehen, es regnete jetzt in Strömen. Das vollbesetzte Lokal war nun bis auf drei Tische praktisch leer. Der Chef kam vorbei und schüttelte am Nebentisch wohl Stammgästen die Hände, sprach kurz mit denen und verschwand. Es war ihm wohl zu mühsam den Kopf zu drehen und bei uns vorbeizuschauen (oder vielleicht haben ihm seien Spione vom Streit zwischen seinem Mercedes und unserem Polo in der Garage erzählt). Da waren wir ein wenig enttäuscht, wie Künstler halt sind, wenn man sie nicht beachtet. Und wie Künstler halt dann auch sind: zutiefst gekränkt und zerknirscht verabschiedeten wir uns mit wenig Trinkgeld, dabei war der Spaß gar nicht teuer, wie – und ich darf das als große Empfehlung an meine schweitzer (haha!) Freunde aussprechen – überhaupt in Deutschland die Sterne-Restaurants die billigsten in ganz Europa sind.

Ein kurzer Gang über den Weihnachtsmarkt führte uns ins Hotel, ein kurzer Verdauungsspaziergang durch die Flure und wir waren wieder in der Garage. Irgendwie waren wir jetzt so voll, wie leer. Der Gaumen konnte nicht mehr, der Polo stotterte nach Hause, wo wir uns „kurz“ hinlegen wollten, dabei sofort einschliefen. Ich träumte vom Dom. Bischof Wissler schob mir die Hostie in Form einer Raviolo in den Mund, ich schloss meine Lippen, drückte die heilige Trüffel an den Gaumen und war ihm Himmel.

* Micha Becker ist ein guter Freund des Blogbetreibers und schildert im obenstehenden ersten Gastartikel dieses Blogs seine Eindrücke vom Besuch des Drei-Sterne-Tempels Vendôme des Stakochs Joachim Wissler im deutschen Bergisch-Gladbach.

Renger-Patzsch @ Berlin

Und noch ein kulinarischer Tipp aus Berlin. Diesmal ist es das Restaurant Renger-Patzsch im Stadtteil Schöneberg. Eigentlich kann es ja kein Tipp mehr sein, denn die Gourmet-Bibel Guide Michelin führt das schmucke Lokal schon seit geraumer Zeit mit einem BIP-Gourmand. Kein Wunder, dass das Restaurant proppenvoll war.

Meine reizende Begleiterin und ich entscheiden uns für das Menu inkl. Weinset. Sie wählte aus dem Menu die Maultaschen mit geschmälzten Zwiebeln und Berglinsen und zum Hauptgang Frischkäsenockerl mit Estragon-Sabayon und geröstetem Herbstgemüse. Für mich gibt es Angemachter Ziegenkäse mit eingemachten Trauben und Nusspesto, danach einen Kalbsrahmbraten mit geschmortem Rosenkohl und Selleriepüree. Als Nachspeise gibt es für beide einen Birnenstrudel mit Mohneis. Das Weinset fügte sich elegant zum Essen hinzu. Zur Vorspeise gab es einen mineralisch-schiefrigen Riesling aus Rhein-Hessen, zum Hauptgang einen Côte du Rhone. Zum Dessert genehmigten wir uns je noch ein Glas Monbazillac Grande Réserve.

Mein Fazit: Seit ich 2010 in Nantes im La Cigale ein Ziegenkäsemousse gegessen habe, bin ich fasziniert von dessen Leichtigkeit bei gleichzeitig hohem Geschmackserlebnis. Der angemachte Ziegenkäse in Berlin stand demjenigen aus Nantes in nichts nach und hat mich ebenfalls stark in den Bann gezogen. Auch der Hauptgang hat mich komplett überzeugt. Mein Kalbsrahmbraten war butterzart und die Sauce dazu hatte eine richtige Tiefe auszuweisen. Speziell war auch das Mohneis zur Nachspeise. Auf Basis eines überzeugenden Vanille-Eises wurden Mohnsamen dazugefügt. Dieses Eis scheint im Moment in Mode zu sein. Hatte ich doch unlängst auch im Segreto in St. Gallen ein solches vorgesetzt bekommen. Nicht zuletzt gilt es im Fazit auch noch das Ambiente zu erwähnen. Die eleganten Holztische verleihen dem hohen Saal eine ganz besondere Atmosphäre. Nichts von Schicki-Micki, sondern einfach authentisch. Und all das gab es für 95€!

Anschrift
Renger-Patzsch
Wartburgstraße 54
10823 Berlin (Schöneberg)
Reservation empfohlen unter: +49 30 7842059

Öffentlicher Verkehr
U7 (Eisenacher Strasse)

Cross Finest Deli @ Berlin

In Berlin gibt es ganz spezielle Locations für Restaurants: S-Bahnbögen! In einem solchen am pulsierenden Savignyplatz liegt das Cross Finest Deli, ein autentisches italienisches Restaurant mit ganz speziellen Charme. Live-Musik-Klänge, die ratternde U-Bahn über den Köpfen und das Klinkermauerwerk sorgen für die ganz spezielle Atmosphäre.

Zum Essen gab es für meine beiden Begleiter/in und mich eine Roggenpizza, Tagliatelle mit Lardo und Funghi Porcini sowie für mich als Muschelfreak Linguine alle vongole (inkl. Muschelkrawatte auf dem Hemd). Insbesondere die Roggenpizza habe ich so noch nie gesehen und kann wärmstens empfohlen werden. Und das ganze sogar zu moderaten Preisen.

Tipps:

  • Das Lokal eignet sich perfekt für ein Date. Die Tische sind sehr schmal. Man kommt daher seiner Herzensdame schon beim Essen sehr nahe. 😉
  • Für ein Bier danach (inkl. einer Autogrammkarte von Max Raabe) empfiehlt sich die Kult-Kneipe Diener Tattersall gleich um die Ecke an der Grolmanstrasse 47.

Anschrift
Cross Finest Deli
Else-Ury-Bogen 597
Am Savignyplatz
10623 Berlin

Öffentlicher Verkehr
S-Bahn: Savignyplatz (S5 & S7)